Verhältnis stellt ähnlich wie Genuß einen Begriff dar, um dessen
Vielwertigkeit sich verschiedene Ausformungen einer Selbstbeschreibung
anordnen. Näher bestimmen läßt sich allerdings
Verhältnis dadurch, daß
hier Gesellschaft (als Beziehung der Individuen untereinander, des
einzelnen zur Gesellschaft als Block,...) immer schon ausgedrückt ist.
Zu einer spezifischen Selbstbeschreibung - denn die Differenzierung
der Gesellschaft wirkt sich generell aus, so daß man eher von einer
widerspiegelnden Thematisierung sprechen müßte - fehlt allerdings die
Beziehung zwischen Verhältnismäßigkeit und Kunst. Die Regelhaftigkeit,
die allein schon durch den Begriff des Schönen ausgedrückt wird,
vermochte(?) aus der Kunst einen Hort der Verhältnismäßigkeit und
damit der gesellschaftlichen Disziplinierung zu machen. So galt
Verhältnis als Proportion auch schon lange als - vordergründig -
kunstspezifischer Terminus. Anhand von Arnims Gräfin Dolores läßt sich
dieser Zusammenhang erhellen. Dolores wird als
"Lebensgöttin von so
schönem Verhältnisse"1 charakterisiert; Arnim verwendet
Verhältnis bis hin zur Beschreibung von physischen Details ("das
schöne
Verhältnis ihrer Zähne"). Für den Grafen vermag das schöne
Verhältnis als Mittel zur Selbstdisziplinierung zu gelten:
"Der Graf hate nie etwas so Prächtiges gesehen, ohne alle Kauflust war
er eingetreten, jetzt aber dachte er sichs als das höchste Glück in
den schönen Verhältnissen dieser Zimmer sein Leben zu führen,
unbemerkt hoffte er, müsse dies alles Widersprechende, Ungleiche in
ihm ordnen (...)"[Hvh.von mir]2
Die Wertung der Episode zwischen dem Markese und der Gräfin als
Verführung erfolgt über die Opposition
Verhältnismäßigkeit/Abenteuerlichkeit:
"Der Graf fühlte zuweilen, daß sie ihm beide nicht schrieben, was ihm
das Wichtigste, die kleinen Verhältnisse ihres täglichen Lebens
(...)." [Hvh.von mir]3
"(...) das sie nach allen Beschreibungen der Bilder für die wahre
Liebe halten mußte; sie fühlte in ihm ein Hinaussetzen über alle
Verhältnisse, vor dem ihr grauete und das sie reizte, weil es den Keim
zur Verderbnis in ihr plötzlich zum Aufwachsen regte." [Hvh.von
mir]4.
Daß just der Autor von Isabella von Ägypten und den Majoratsherren die
Verhältnismäßigkeit zum Thema wählt, ist sicherlich mehr als eine
nette Pikanterie. Die therapeutische Kraft des Schönen - es sei
gestattet, hier der Verwechselbarkeit von Autor und Figur einmal
nachzugeben - zeigt schon in Richtung Ästhetizismus. Der vollständigen
Ablösung von gesellschaftlichen Belangen als Oberflächenströmung
entspricht eine Gegenströmung: die internalisierte Selbstdisziplinierung
über das Schöne; paradoxerweise findet genau so die
Reglamentierung wieder Eingang in den gesellschaftlichen Sperrbezirk.
Das Abenteuer bildet die Kehrseite des schönen Vehältnisses, es
bedroht - zumindest seit der Früh- und Frühestromantik - das
wohlgeordnete Gefüge. Lovell - in einem seiner nicht so seltenen
moralisch-luziden Momenten - bezieht das auseinandergebrochene Gefüge
auf sein Leben:
"Ich halte jetzt das Leben nicht mehr für einen Taumel, sondern ich
finde es ernsthafter, ob es mir gleich prosaischer vorkömmt: man
sollte nie ein anderes suchen, um das wirkliche zu finden, denn sonst
lockt uns vielleicht die abenteuerliche Wendung so sehr an, daß wir
der Rückkehr vergessen."5
Schon Hegel machte einen Teil seiner Romantikkritik - vor allem den
Roman betreffend - an der Abenteuerlichkeit fest:
"In den meisten dieser Stoffe ist keine Lage, keine Situation, kein
Konflikt vorhanden, wodurch das Handeln notwendig würde, sondern das
Gemüt will hinaus und sucht sich die Abenteuer absichtlich
auf."6
Dort, wo Hegel das Subjektive an die Institutionen der bürgerlichen
Welt anrennen
läßt7, ist auch ein ganz anderer, grundsätzlicher
Konflikt ausmachbar: Die autonome Kunst ist eine abenteuerliche Kunst;
sie ist von außen nicht motivierbar - eben deshalb ist sie autonom -
und sie ist notwendigerweise exzentrisch, da ihr Zentrum nie als das
Zentrum anderer Betrachtungsweisen zu gelten vermag.
Godwi, Lovell, Bonaventura sind keine Nihilisten - sondern Abenteurer.
Sie stellen sich der Angemessenheit der Zuordnung von Verhaltensweisen
zu bestimmten Situationen
entgegen 8, oder sie leben mehr oder
weniger ihr Abgleiten - das im Gedankenexperiment weitaus
schwerwiegendere Auswirkungen zeitigt - von einem gedachten Zentrum ,
das zusehends an Bonität einbüßt, aus. Lovell verführt, wird verführt,
spielt und raubt; er lebt die Bedingungen für moderne Kunst aus.