Möbius oder die Begierde als kommunikative EvidenzCortázars Verbindung zur Topologie1 zu untersuchen verfügt als Rückhalt über ein gutes Argument: Er verfaßte eine Erzählung mit dem Titel "Anillo de Moebius"2. Die Verbindung wird nicht nur im Titel explizit vollzogen, sondern auch innerhalb der Erzählung wird ein Zustand als Bewegung auf dem Möbiusband beschrieben und ausgewiesen."Anillo de Moebius" besingt die Begierde als Willen zur Kommunikation. Die bisher besprochenen Problemstellungen verbaler Kommunikation sind hier von vorneherein ausgeklammert. Die bärtige Bestie aus den Wäldern der Dordogne und die englische Kinderbetreuerin bewegen sich allerdings von Beginn an auf dem Königsweg der Kommunikation, oder von der "republikanischen" Seite her betrachtet: Sie sind zu ihr verdammt. Daß es doch angebracht erscheint, den kommunikationsskeptischen Ansatz Ungeheuers als heuristischen - über literaturwissenschaftliches Freibeutertum - Zugang gewählt zu haben, resultiert in dieser Erzählung genau aus diesem Faktum. Der Erfolg der kommunikativen Handlung ist mit der Beschreibung des ersten Blickkontaktes schon im vorhinein gewährleistet, und dies, wie sich zeigen wird, gegen die größten Widrigkeiten und Hindernisse: "Antes de que Janet lo viera él ya sabía todo, todo de ella y de él en una sola marea sin palabras, desde una inmovilidad que era como un futuro agazapado. Ahora ella volvía la cabeza, la bicicleta inclinada y un pie en tierra, y encontraba sus ojos. Los dos parpadearon a la vez." Dieser sozio-perzeptive Kontakt kann für die Erfolgskontrolle eines simultan ablaufenden Kommunikationsprozesses von großer Bedeutung werden, aber hier muß ich Ungeheuer zitieren (allein schon wegen der Sympathie): "Denn in hohem Maße regeln diese die Tätigkeiten der kommunikativen Erfolgskontrolle, und häufig kann es geschehen, daß die Kommunikationshandlung eigentlich schon längst zusammengebrochen ist, die äußeren Gebaren des Sprechens und Verstehens aber beibehalten werden, beibehalten werden können, weil sie aufgefangen worden sind im Netz des sozio-perzeptiven Kontaktes, im sympathischen Eingestehen des Verstehens oder als antipathischer Racheakt des Sprechens."3 Hier bricht die (verbale) Kommunikationshandlung nicht zusammen, da sie sich erst gar nicht konstituiert hat. Führt man allerdings den Gedanken weiter, der sich dergestalt natürlich nicht mehr mit dem Problembereich der dargestellten Kommunikationstheorie deckt, so führt die Sympathie allerdings eine andere Kommunikationshandlung fort, die auf unerhörte Weise zusammengebrochen ist. Die Mißverständnisse in der Sprache der Berührungen schaukeln sich in einem verstärkenden Regelkreis bis zur Katastrophe, zur Erdrosselung, auf; alles Folgende schildert den Willen zur Wiedervereinigung. Die Beziehung zwischen dieser Erzählung und Topologie muß ja offensichtlich über eine heuristische Analogiebeschreibung hinausgehen, sonst wäre es kaum der Mühe wert, diese, die seit dem Titel als bekannt vorausgesetzt werden darf, zu konstatieren. Die Handlung bis zu Janets Wanderung, die wohl Trägerin dieser Beziehung sein muß, läßt sich so zusammenfassen: Die 19-jährige Engländerin Janet, die allein eine Radreise durch Frankreich unternimmt; trifft in einem Wald der Dordogne auf Robert, der dort vagabundierend sein Leben fristet. Robert vergewaltigt Janet und erdrosselt sie. Darauf erfolgt eine Beschreibung, wie die "tote Janet aus einem "hialinen" Driften ("ser viento siendo Janet, algo sin asidero") über verschiedene Stadien, in denen sich Zeit und Ort wieder differenzieren, zu einer Art Individuation gelangt; von dort über die Erinnerung und vor allem die Begierde den Willen4 zurückerlangt und auch die selbstgelenkte Bewegung, die sie schließlich die Todeszelle Roberts erreichen läßt. In einem Zustand (im Sinne von Aggregats-Zustand), dem kriechenden, wird das Möbiusband explizit angesprochen: "(...) de haber podido pensar, en Janet se hubiera abierto paso la imagen de la oruga recorriendo una hoja suspendida en el aire, pasando por sus caras y volviendo a pasar sin la menor visión ni tacto ni límite, anillo de Moebius infinito, reptación hasta el borde de una cara para ingresar o ya estar en la opuesta(...)" Nur die Frage ist: Was ist mit der Feststellung, daß es sich um die Thematisierung eines topologischen Phänomens handle, gewonnen. Daß Cortázar "die neuesten Ergebnisse der Naturwissenschaft begierig aufnimmt", wissen wir schon von Morelli. Der Unterschied zu "Lejana" besteht darin, daß hier die topologischen Andeutungen die Handlung mit einer Prise diskursiver Plausibilität versehen. Die Plausibilisierung geht aber nicht so weit, daß sich hier Literatur und Naturwissenschaft (= "exakte Wissenschaft") wie in der science-fiction5 harmonisch verbinden würden; die Topologie bleibt "Anillo de Moebius" immer äußerlich; Die Motivation der "äußerlichen" Verbindung beruht darauf , daß der thematisierende Rückgriff auf die Topologie ein paradoxes Ergebnis durch eine methodisch nachvollziehbare Beschreibungsweise verbürgt erscheinen läßt. Doch wird in der Topologie herzlich wenig über die Aggregatszustände eines zwischen Tod und Leben pendelnden Menschen ausgesagt. Geht es um die Konstruktion von kulturellen Kreuzreferenzen, so ließe sich "Anillo de Moebius" mit gleichem Recht als Illustration der "Experimentalmetaphysik" beschreiben. Schopenhauer verwendet diesen Begriff, um die philosophische Relevanz des animalischen Magnetismus6 zu begründen: "(...) er ist gewissermaaßen eine Experimentalmetaphysik: denn die ersten und allgemeinsten Gesetze der Natur werden von ihm beseitigt; daher er das sogar a priori für unmöglich Erachtete möglich macht. Wenn nun aber schon in der bloßen PHYSIK die Experimente und Thatsachen uns noch lange nicht die richtige Einsicht eröffnen, sondern hierzu die oft sehr schwer zu findende Auslegung derselben erfordert ist; wie viel mehr wird Dies der Fall seyn bei den mysteriösen Thatsachen jener empirisch hervortretenden Metaphysik!" Signifikativer als diese Kreuzreferenzen erscheint aber die Beschreibung von kommunikativen Grenzsituationen. Wenn sich die Phänomene aus "Anillo de Moebius" auch mesmerisch beschreiben lassen, so stellt erst ihre Instrumentalisierung in der Beschreibung von Kommunikationssituationen und -intentionen eine harmonische Verbindung her, d.h. erst über die Assimilation in die eigene Thematik läßt sich von einer "Literarisierung" sprechen.
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