Balder oder Wollust als Fallsucht

Der Schwärmer kennt sich selbst und seine dunklen Wünsche nicht, er verlangt Genüsse aus einer fremden Welt, Gefühle, für die er keine Sinne hat ... - Einlesen

Balder ist als Gegenfigur1 zu Rosa konzipiert. Während Rosa William Lovell einen - ebenso hierarchisch organisierten - Alternativentwurf zum biederen englischen Landleben bietet, verkörpert Balder die Alternative zu jeglicher gesellschaftlicher Konstruktion. Diese setzt, wie zu erwarten, bei der stabilsten gesellschaftlichen Konstruktion, der Ratio, an. So ist Balder der Wahnsinn zugeordnet, er als Schwärmer gekennzeichnet. In einer frühen - hinsichtlich der Entwicklung Lovells - Auseinandersetung hält Lovell Balder eben dies vor und bringt damit "Vernunft" und "Wollust" in Beziehung:


"Und dieses göttliche Kennzeichen des Menschen ist in ihm ausgelöscht? - Oder findest du auch in der Sinnlosigkeit deine Wollust."2


Diese Verbindung ist so harmlos nicht: Die Wollust als innere unkontrollierte, nicht disziplinierbare Erregung ist das einzige, was der Rationalität entgegengehalten werden kann. So vermag die Wollust sogar - ephimer - die Vernunft zu integrieren3 und somit dem radikalen Individualismus Vorschub zu leisten. Als Konsequenz ergibt sich der Abbruch der Kommunikationsfähigkeit, der Wahnsinn. Im Verhältnis zum Genuß bedeutet Wollust Übersinnlichkeit, Grenzüberschreitung:


"Der Schwärmer kennt sich selbst und seine dunklen Wünsche nicht4, er verlangt Genüsse aus einer fremden Welt, Gefühle, für die er keine Sinne hat (...)".5


Rosas Credo baut im Gegensatz dazu auf dem stets möglichen Vollzug der Befriedigung auf. Und während Genuß dort durch völliges Desinteresse an Unbekanntem charakterisiert ist, wird gerade das Phantastische konstitutiv für die Wollust. Schon in der eingelegten - auch gattungsphantastische Züge enthaltenden - Geschichte von Wildberg wird die Phantastik in der Argumentation Balders ins Treffen geführt; die rationelle Fallsucht wird von ihm endgültig in der am eigenen Leib erlittenen Geistererscheinung thematisiert. Als er bei seiner nächtlichen Shakespearelektüre ein Gespenst in seinem Zimmer bemerkt, wird er nicht etwa unruhig, sondern empfindet eher ein "grauendes Wohlbehagen":


"Es ist mir selber unbegreiflich, warum ich im Ganzen so kalt und fast ruhig blieb, da ich doch einen Schauder in meinem innersten Gebein fühlte; in dem Entsetzen lag eine Art von wütender Freude, ein Genuß der außerhalb den Grenzen des Menschen liegt."6


Wollust ist der "Genuß der abenteuerlichen Phantasie", womit einige schon als relevant für die Selbstdarstellung besprochene Aspekte zusammengeführt werden. Daß diese Lust wirklich eine abhängigkeit-generierende "Wohllust" ist, daß es sich hier um eine "Fallsucht" handelt, zeigt sich daran, daß Balder das Entsetzen vorsätzlich wiederholt, ganz so wie der Gibbon spielerisch den Taumel hervorruft. Lovell spricht von einer "unbegreiflichen, heimlichen Wollust"7. Unbegreiflich ist sie, da sie antirationell ist; heimlich, da unsäglich.

Für das Selbstverständnis von Literatur (Kunst) besonders relevant ist die Zusammenführung von Kunst und Wahrheit angesichts des Genusses. Lovell gibt als Programm aus, was schon soziale Realität geworden ist, der Kunst ist nicht mehr (?) die Wahrheit zugeordnet:


"(...) wir können nicht die wahre Gestalt der Dinge erkennen, oder könnten wir es, so ging vielleicht das Vergnügen der Sinne darüber verloren, - ich gebe also die Wahrheit auf, denn die Täuschung ist mir erfreulicher."8


Paradox (über die Rekursion) oder vielmehr signifikant und Thema der vorliegenden Arbeit ist, daß gerade die Grenze der Kunst dadurch bedeutet wird, daß ein Kunstprogramm als Lebensprogramm exerziert wird.

Die Wollust hingegen arbeitet nicht an der Ratio vorbei, sondern greift sie frontal an. Daher trägt sie den Wahnsinn stets in sich; daher ist aber auch gerade sie für die Moderne vielleicht nicht nur tragbar sondern gar konstitutiv, wohingegen der Genuß als Hedonismus verpönt ist.

Die Fallsucht betrifft nicht nur die Vernunft, sondern auch die Moral. Wie weiter oben ausgeführt kommt hier die sonst unterdrückte Lust auf Zerstörung hervor. Lovell empfindet das "wohlige Grauen" in der Zerstörung der andern, die die seinige9 nach sich ziehen wird:


"(...) wo ich statt meinem stillen Gebete Gott mit den gräßlichsten Flüchen lästerte und darüber weinte, und es doch nicht unterlassen konnte, wo es mich unwiderstehlich drängte, meine Gespielen zu ermorden, und ich mich oft schlafen legte, bloß um es nicht zu tun, - nun Rosa, damals war ich gewiß unschuldig und unverdorben, und doch war diese Entsetzlichkeit in mir einheimisch10, was war es denn nun, das mich trieb, und mit gräßlicher Hand in meinem Herzen wühlte?- Mein Wille und meine Empfindung sträubten sich dagegen, und doch gewährte mir dieser Zustand wieder innige Wollust.-"11


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