"In Einem Range" - Wollust als Sinnenunlust
O Freund, wie kamen mir in dieser Nacht Liebe, Wollust, und alle Freuden dieser Welt vor!
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Die Wollust speist sich aus dem Abbau von Hierarchien. Hier ist sie
die Antagonistin des nach Verfeinerung strebenden
Kunst-(Kultur-)Genusses. Der Genuß als Luftgeschöpf (als
"sylphidisches Wesen"1) wird über die Wollust wieder an die
Erde gebunden. Das Genießen des dem Genuß Unwürdigen bereitet Wollust:
"Das Leben ist nichts, wenn man es nicht auf die sinnlichroheste Art
genießt; der Widerschein der Wollust fällt auf alle Gegenstände, und
färbt auch die uninteressantesten mit einem
goldenen
Schimmer.
2"
William Lovell lebt die Erfahrung, daß alles "in Einem Range" stehe,
bei seiner Rückkehr nach England mit der Comtesse Blainville aus.
Dieselbe Comtesse, die zu Beginn des Romans gemeinsam mit Rosa eine
Allianz der Verführer und Genußmenschen bildet (im Anklang an das Paar
Marquise de Merteuil/Vicomte de Valmont aus den Liaisons), verkommt
nach der -
topischen3 - Pockenkrankheit in England zur
"häßlichen Aufwärterin":
"Die Blainville, dieses junge, lebhafte, reizende Weib, - und hier
stand ein Ungeheuer vor mir, von Pockengruben entstellt, einäugig, mit
allen möglichen Widrigkeiten reichlich ausgestattet, - und dennoch war
sie es, selbst unter der groben Hülle lagen einige ihrer
ehemaligen
Züge, wie fern, verborgen."
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Als Lovell Zutritt zu seiner Jugendliebe Amalie begehrt, steht es in
ihrer Macht als Aufwärterin, einen Gegendienst für die Gefälligkeit zu
verlangen: ein Schäferstündchen. Auch wenn er sich in der
Nachbetrachtung von diesem Erlebnis distanziert, so spricht er es doch
auch unter der Rubrik "Wollust" an:
"O Freund, wie kamen mir in dieser Nacht Liebe, Wollust, und alle
Freuden dieser Welt vor!"
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Den Abbau von Hierarchien (etwa über die Opposition
"paarungswürdig"/"paarungsunwürdig") bezeichnet er aus der
Kulturperspektive als Erniedrigung, aber als eine triebhafte, der er
nicht entfliehen kann:
"Ich erröte noch jetzt, wenn ich daran zurückdenke; es ist, als wenn
ich von je alle Gelegenheiten begierig ergriffen hätte, um mich selbst
zu
erniedrigen."
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Kapitel 36 aus Rayuela handelt von Horacios "wohllüstigem" Abstieg.
Als letztes der Pariser Kapitel ("Del lado de allá") beendet es auch
den europäisch-westlichen Teil der Suche ("quest") Horacios. Die
religiös-mythisch-eschatologische Grundstimmung des Kapitels wird von
Beginn an evident:
"Tal vez rapándome, llenándome la cabeza de ceniza, llegar con el cazo
de las limosnas. No soy ya el que conocisteis, oh mujeres. Histrio.
Mimo. Noche de empusas, lamias, mala sombra, final del gran
juego."
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Die strukturierende Denkfigur und ein kurzfristiger Endpunkt der Suche
ist der "Kibbuz der Begierde" ("kibbutz del deseo"). Der Kibbuz als
mögliches Ziel der Suche darf nicht über herkömmliche
Begrifflichkeiten beschreib-, noch durch herkömmliche Instrumentarien
erreichbar sein:
"(...) por ser la búsqueda de un kibbutz desesperadamente lejano,
ciudadela sólo alcanzable con armas fabulosas, no con el alma de
Occidente, con el espíritu, esas potencias gastadas por su propia
mentira como tan bien se había dicho en el Club, esas coartadas del
animal hombre metido en un camino irreversible. Kibbutz del deseo, no
del alma, no del
espíritu."
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Im Zentrum der Argumentation - und hier geht es um einen Gedankengang
- steht "el deseo", "das Begehren". Das hauptsächlich, da das
grundsätzlich offene Begehren durch seine Leerstellenfunktion die
Reflexion formal abzuschließen vermag, ohne daß eine inhaltliche
Festlegung erfolgte:
"(...) pero su kibbutz estaba allí, lejos pero estaba y él sabía que
estaba porque era hijo de su deseo, era su deseo así como él era su
deseo y el mundo o la representación del mundo eran deseo, eran su
deseo o el deseo, no importaba demasiado a esa
hora."
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Der Rückgriff auf "deseo" dürfte sich auch mit Barthes erklären
lassen: "désir" ist intellektuell diskursfähig, "plaisir" ist hingegen
immer schon
verdächtig10 und "jouissance" gänzlich unsagbar. Für
den hier vertretenen Zugang ist das insofern von Belang als die
Begrifflichkeit im Bereich "Genuß/Wollust" bei Cortázar nicht mit der
Handlung
einhergeht11 Was im Kapitel 36 beschrieben wird, ist
nicht das Begehren sondern die nivellierende "Wollust".
Nachdem Horacio die Clocharde Emmanuèle bis jetzt nur aus der Ferne
beobachtet hat, steigt er im letzten Kapitel in ihre Welt hinab. Dort
ereignet sich die unmöglich geglaubte "Kommunikation/Kommunion".
Getragen wird diese vornehmlich durch die
Sympathie12, die eine
Integration der unterschiedlichen
"Weltanschauungen"13
anzubahnen vermag. In der Einleitung des "showdowns" in der Passage
wird die Reihung der Sinneseindrücke aufgehoben:
"Desde el otro lado de los portales venía un ronquido como de ajo y
coliflor y olvido barato; mordiéndose los labios Oliveira resbaló
hasta quedar lo más bien instalado en el rincón contra la pared,
pegado a Emmanuèle que ya estaba bebiendo de la botella y resoplaba
satisfecha entre trago y trago. Deseducación de los sentidos, abrir a
fondo la boca y las narices y aceptar el peor de los olores, la mugre
humana."
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Und entscheidend ist, daß die Qualität der Sinneseindrücke aufrecht
bleibt ("la oscuridad le acuciaba el olfato") und nur ihre Wertung
verkehrt wird. Man könnte hier von einer "erhabenen Übersinnlichkeit"
sprechen: Übersinnlichkeit, da die Sinnlichkeit in der Kunst schon
immer bewertet ist - diese eine der wenigen Aufgaben ausmacht, die
noch teilweise an sie delegiert werden (Wahrnehmungsschulung
etc.-vgl.w.o.) und diese immer schon bewertete Sinnlichkeit
überstiegen wird; die Erhabenheit speist sich durchaus kantianisch aus
der Setzung der eigenen Freiheit im Sich-Aussetzen der Widrigkeit, die
hier über den unmittelbaren kulturellen Kontext hinausreicht und
anthropologisch bzw. biologisch wirksam wird (der heroische Kampf
gegen den Fäulnisgeruch).
Emmanuèle fällt in den Vorbereitungen (rituelle Bemalung, besonders
des tätigen Körperteils, des Mundes) zur Kommunion mit einer
Muttergottheit, deren Abbild und damit sie selber von fremden Soldaten
geschändet wird, zusammen. Diese wandelt mit dem integrativen Gestus
der Wollust die Erniedrigung (Verstümmelung, Beschmierung mit
Körperflüssigkeiten...) in
Opfergabe um.
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Und als Emmanuèle - explizit der syrischen Muttergottheit
gleichgesetzt - Horacio schließlich oral befriedigt, begleitet er das
"untere" Geschehen mit Reflexionen zu Heraklit, der versucht habe -
eingegegraben in Jauche -, seine Wassersucht zu kurieren; hier sollen
die Wassergeister wieder an die Erde gebunden werden. Entbunden vom
Zwang, den entropisch unwahrscheinlichen Zustand der Kultur
aufrechtzuerhalten, entsteht Wollust.
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