William Lovell 2. Band 1. Buch, 15 (Reclam, UB 8328)

William Lovell an Rosa, Rom (im Projekt Gutenberg)


Ich lebe hier in einem Taumel von einem Tage zum andern, ohne Ruhepunkt oder Stillstand fort. Mein Gemüt ist in einer ewigen Empörung, und alles vor meinen Augen hat eine tanzende Bewegung. Man urteilt nur dann über das Leben am richtigsten, wenn man im eigentlichen Sinne recht viel lebt, nicht nur den Becher einer jeden Freude kostet, sondern ihn bis auf die Hefen leert, und so durch alle Empfindungen geht, deren der Mensch fähig ist. - Mein Blut fließt unbegreiflich leicht, und meine Imagination ist frischer. Mit der ersten Gelegenheit denke ich meinen Willy nach England zurückzuschicken; mit seinem altväterschen Wesen und seiner gutgemeinten Überklugheit fällt er mir zur Last. Er will mit aller Gewalt mein Freund sein, und es möchte hingehn, wenn er nur nicht den Bedienten ganz darüber vergäße. Als ich neulich spät in der Nacht, oder vielmehr schon gegen Morgen mit dem fröhlichsten Rausche nach Hause kam, hielt er mir eine pathetische Rede, und verdarb mir meine Laune. Er will gern fort, und sein Wille soll geschehn. - Sie munterten mich ehedem auf, das Leben zu genießen, und jetzt sind Sie zurückgezogener als ich. Kommen Sie her, damit ich den verworrenen Rausch in Ihrer Gesellschaft genieße, und meine Sinne noch trunkener werden. Ich bin eben bei unsrer Signora Bianca gewesen, die das Muster der Zärtlichkeit ist, sie kann den teuren Rosa immer noch nicht vergessen, und spricht mit Enthusiasmus von ihm; Sie tun unrecht, das zärtliche Geschöpf so ganz zu vernachlässigen, ich habe noch viele andre Grüße zu bestellen, die Sie mir erlassen mögen, genug, Sie stehn bei allen unsern schönen Bekanntschaften im besten Angedenken. Ich bin auf heut abend zur schwarzäugigen Laura hinbestellt, die jetzt schon meine ganze Phantasie beschäftigt. Wer kann die unbegreiflichen Launen zählen und beschreiben, die im Menschen wohnen? Die seit einigen Wochen in mir erwacht sind, und aus meinem Leben das bunteste und wunderlichste Gemälde bilden? Frohsinn und Melancholie, seltsame Ideen in der ungeheuersten Verbindung, schweben und gaukeln vor meinen Augen, ohne sich meinem Kopfe oder Herzen zu nähern. Man nenne doch die schöne Erweckung der innersten Gefühle nicht Rausch! man sehe nicht mit Verachtung auf den Menschen hinab, dem sich plötzlich in der glücklichsten Erhitzung neue Tore der Erfahrungen auftun, dem neue Gedanken und Gefühle wie schießende Sterne durch die Seele fliegen, und einen blaugoldnen Pfad hinter sich machen. O Wein! du herrliche Gabe des Himmels! fließt nicht mit dir ein Göttergefühl durch alle unsre Adern? Flieht nicht dann alles zurück, was uns in so manchen unsrer kalten Stunden demütigt? Nie stehn wir in uns selbst auf einer so hoch erhabnen Stufe, als wenn die Augen wie Sterne funkeln, und der Geist wie eine Mänade wild durch alle Regionen der frechsten und wildesten Gedanken schwärmt. Dann pochen wir auf unsre Größe, und sind unserer Seele und Unsterblichkeit gewiß, kein lahmkriechender Zweifel holt den fliegenden Geist ein; wir durchschauen wie mit Seherblicken die Welt, wir bemerken die Klüfte in unsern Gedanken und Meinungen, und fühlen mit lachendem Wohlbehagen, wie Denken und Fühlen, Träumen und Philosophieren, wie alle unsre Kräfte und Neigungen, alle Triebe, Wünsche und Genüsse nur eine, eine glänzende Sonne ausmachen, die nur in uns selbst zuweilen so tief hinuntersinkt, daß wir ihre verschiedene Strahlenbrechung für unterschiedene getrennte Wesen halten. Spotten Sie nicht, Rosa, wenn ich Ihnen sage, daß jetzt eben diese Glut des Weins aus mir spricht: oder spotten Sie vielmehr, so viel Sie wollen, denn auch das gehört zu den Vortrefflichkeiten des Menschen.
Ha! welche Wesen sind es, die das Tor
    Der dunkeln Ahndungen entriegeln?
Was hebt den Geist auf goldbeschwingten Flügeln
    Zum sternbesäten Himmelsplan empor? -

Es schlägt der schwarze Vorhang sich zurücke,
    Und wundervolle Szenen tun sich auf,
Seltsame Gruppen meinem starren Blicke:
    Gleich Traumerinnerung! mit frischem Glücke
    Beginn ich froh den neuen Lebenslauf!

Ich fühle mich von jeder Schmach entbunden,
    Die uns vom schönen Taumel rückwärts hält,
Die jämmerlichen Ketten sind verschwunden,
    Mit Freudejauchzen stürzen goldne Stunden
    Rasch auf mich ein, und ziehn mich tanzend durch die Welt.

Es sammlen sich aus den verborgnen Klüften
    Die Freuden wie Mänaden um mich her,
Es klingen ungesehne Lieder in den Lüften,
    Es wogt um mich ein ungestümes Meer,
Und Töne, Jauchzen, Wonne schwebt auf Blumendüften,
Und alles stürmt um mich, ein wildes Heer.

Ich steh im glanzgewebten Feenlande,
Und sehe nicht zur dürren Welt zurück,
Es fesseln mich nicht irdischschwere Bande,
    Entsprungen bin ich kühn dem meisternden Verstande,
Und taumelnd von dem neugefundnen Glück! -

Hinweg mit allen leeren Idealen,
    Mit Kunstgefühl und Schönheitssinn,
Die Stümper quälen sich zumalen,
Und nagen an den dürren Schalen
    Und stolpern über alle Freuden hin.

Hinweg mit Kunstgeschwätz und allen Musen,
Mit Bilderwerk, leblosem Puppentand -
Hinweg! ich greife nach der warmen Lebenshand,
Mich labt der schön geformt lebendge Busen.

Ach, alles flieht wie trübe Nebelschatten,
    Was ihr mit kargem Sinne schenken wollt:
Nur der besucht Elysiums schöne Matten,
Nur dem ist jede Gottheit hold,
    Der keinem Sinnentrug sein Leben zollt.

Der nicht in Lustgefilden schweift,
    Und sich an Dunstphantomen weidet,
Durch kranke Wehmut und Begeistrung streift -
Nein, der die schlanke Nymphe rasch ergreift,
    Die sich zum kühlen Bad entkleidet.

Ihm ist's vergönnt zum Himmel sich zu schwingen.
Es sinkt auf ihn der Götter Flammenschein,
Er hört das Chor von tausend Sphären klingen,
Er wagt es zum Olymp hinaufzudringen,
Und wagt es nur ein Mensch zu sein.
Sie haben schon oft über meine Verse gespottet, und hier gebe ich Ihnen eine neue und noch bessere Gelegenheit, denn ich habe die Silben und ihre Längen und Kürzen nicht nachzählen mögen; ein so korrekter Kritiker, wie Sie, findet also für seine Bemerkungen Stoff genug. - Ich durchschweife oft in meinen abenteuerlichen Stimmungen die Stadt, und labe mich in der magischen Nacht an den wunderbaren und rätselhaften Bildern der äußern Gegenstände. Oft schwebt die Welt mit ihren Menschen und Zufälligkeiten wie ein bestandloses Schattenspiel vor meinen Augen. - Oft erschein ich mir dann selbst wie ein mitspielender Schatten, der kommt und geht, und sich wunderlich gebärdet, ohne zu wissen warum. Die Straßen kommen mir dann nur vor, wie Reihen von nachgemachten Häusern mit ihren närrischen Bewohnern, die Menschen vorstellen; und der Mondschein, der sich mit seinem wehmütigen Schimmer über die Gassen ausstreckt, ist wie ein Licht, das für andere Gegenstände glänzt, und durch einen Zufall auch in diese elende lächerliche Welt hineinfällt. Dann schweif ich im wundervollsten Genuß der Phantasie auf den freien Plätzen und zwischen den Ruinen umher, und ergötze mich an den Gestalten, die vorübergehn und mein Gefühl nicht kennen, und von mir nichts wissen. - Am liebsten aber begleite ich irgendeines der vorüberstreifenden Mädchen, oder besuche eine meiner Bekanntinnen und träume mir, wenn mich ihre wollüstigen Arme umfangen, ich liege und schwelge an Amaliens Busen. - Nichts macht mir dann meine eingebildete, alte schwärmerische Liebe so abgeschmackt und lächerlich, als dieser vorsätzliche Betrug. Wie seltsam wird mir oft, wenn ich einem Mädchen nachfolge, die mich in ihre finstre enge Wohnung führt, wo ein Kruzifix über dem Bette hängt, und die Bilder der Madonne und von Märtyrern neben Schminktöpfen und schmutzigen Gläsern mit Schönheitswassern; oder wenn ich im Gedränge von Lazzaronis und Handarbeitern in einer Herberge hinter einer andern stehe, und mit ebenso vieler Andacht den pöbelhaften Späßen eines Pulicinello zuhöre, mit der ich ehedem den Shakespeare sah. - Das Leben ist nichts, wenn man es nicht auf die sinnlichroheste Art genießt; der Widerschein der Wollust fällt auf alle Gegenstände, und färbt auch die uninteressantesten mit einem goldenen Schimmer. - Amalie ist auch nur einer von den wandelnden Schatten, die Zeit ergreift sie ebenso, wie mich, und wirft das abgenutzte, veraltete Bild in ihre dunkeln Tiefen, in die kein Auge dringt, und wo die Marionetten von tausend Jahrhunderten in bunter Vermischung aufgehäuft übereinanderliegen. Leben Sie wohl, und kommen Sie nach Rom, es ist endlich Zeit, kommen Sie gleich nach Empfang dieses Briefes; ein wiederkehrender Freund erregt eben die Empfindung in uns, wie dem Kinde der wiederkehrende Frühling.