(Lykanthropische) Kommunikation in Cortázars "Lejana"

Nada más que por pensar que yo podría irme ahora mismo a Budapest, si realmente se me antojara. O a Jujuy, o a Quetzaltenango. [...] Sólo queda Budapest porque allí es el frío [...]

Die Thematisierung und Variation von mesmerischen Phänomenen nimmt auch einen wichtigen Teil im Werk Cortázars ein. Seinen essayistischen Zugang etwa zu Lezama Lima leitet er mit einem Verweis auf den sympathischen Weg ein:


"Estas páginas acerca de Paradiso, novela de José Lezama Lima (...) no son un estudio sobre la novelística de Lezama, que exigiría el análisis riguroso de toda su obra de poeta y de ensayista (...), sino la aproximación por vía simpática que elige todo cronopio para entablar comercio con otro."1


Die Bedeutung dieser Elemente geht aber weit über eine bloße Lizenz zu einer nicht wissenschaftlich referenzierenden Betrachtung hinaus; sie dienen - thematisch betrachtet - als Vehikel der Rationalismuskritik. Das wird aus dem bekannten poetologischen Essay "Para una poética"2 klar, wo "juicio lógico" der "simpatía" entgegengestellt wird:


"(...) aceptando [el hombre-M.H.] el juicio lógico como eje de su estructura social, al mismo tiempo y con la misma fuerza (aunque su fuerza no tenga eficacia), se entrega a la simpatía, a la comunicación analógica con su circunstancia."


In Rayuela wird gar die Verbindung zwischen Kommunikationstheorie, Literatur und einem unvermittelten Zugang hergestellt:


"Lo mejor iba a ser decírselo a Ronald, para que Ronald se lo transmitiera a Babs con uno de sus sistemas casi telepáticos que asombraban a Perico Romero. Teoría de la comunicación, uno de esos temas fascinantes que la literatura no había pescado todavía por su cuenta hasta que aparecieran los Huxley o los Borges de la nueva generación. "Al final, siempre, el plexo. Esas son las comunicaciones verdaderas, los avisos debajo de la piel."


In den Erzählungen konterkariert die vía simpática die als unproblematisch (und auch risikolos dargestellte Kommunikation. Als Motive kommen hier auch reißerisch-triviale in Betracht (rein motivisch unterscheidet sich "Lejana" nicht von den "Body-snatchers"), auf alle Fälle aber auch solche (nicht ausschließlich), die nicht die geringste Verbindung zu - zeitgenössischen - diskursfähigen Wissensinhalten auch nur andeuten. Die kommunikative Grenzsituation stellt sich in Cortázars "Lejana"3 (= Die Ent-fern-te) ähnlich konturiert dar. Zumindest auf der Oberfläche entsteht ein Rapport zwischen einer jungen Bonaerense und einer Budapester Bettlerin. Auch hier wird die Distanz über die vorübergehende Bewußtseinsüberlappung nivelliert. Nun treibt die Handlung aber auf eine physische Annäherung4 zu, und die Argentinierin macht sich wirklich nach Budapest auf. Auf der Brücke über der im Eisstau ächzenden Donau, wird genau die An-näherung in ihrer Begrenztheit, denn der Identität gegenüber existiert keine relative Nähe, überwunden, führt punktuell zu einer absoluten Identität und darauf folgend zum lykanthropischen Körper-Austausch5. Ähnlich wie Esther bringt Alina, wenn auch unfreiwillig, die Situation markiert über die invokative Kraft des Wortes hervor6. Die Grundkonstellation resultiert schon aus einem Wortspiel, einem Anagramm:


"Alina Reyes, es la reina y... Tan hermoso, éste, porque abre un camino, porque no concluye. Porque la reina y... No, horrible. Horrible, porque abre camino a esta que no es la reina, y que otra vez odio de noche."


Ähnlich in dem Moment, als sie in einem Konzertsaal in Buenos Aires ihre Budapestreise vorweg(?)nimmt:


andando ahora con trabajo porque la nieve se oponía y del Danubio crece un viento de abajo, difícil, que engancha y hostiga


"Pero no sé el nombre de la plaza, es un poco como si de veras hubiese llegado a una plaza de Budapest y estuviera perdida por no saber su nombre; ahí donde un nombre es una plaza."


Der große Unterschied besteht darin, daß der Majoratsherr und Esther eine im hohen Maße quaesitive Kommunikation führen, die als Resultat die gewollte temporäre Vereinigung über den Rapport zeitigt, während Kommunikation für die Erzählerin aus Lejana unfreiwillig - koërzitiv - geschieht: Sie kann nicht nur nicht nicht mit der Bettlerin kommunizieren, sie kann diese Kommunikation nicht einmal modifizieren. In dieser ausgeprägten Herr/Knecht-Kommunikation7 versucht sie die Beziehung auf eine konventionale Ebene zu bringen, wodurch sie aber der wirkenden unterschwelligen Kommunikation ausweicht (worauf dann auch wieder der Umschlag, wie w.o. In "El ídolo de las Cícladas" beruht):


"A veces es ternura, una súbita y necesaria ternura hacia la que no es reina y anda por ahí. Me gustaría mandarle un telegrama, encomiendas (...)"


Alinas Tagseite ist gezwungen, den herausbrechenden Imaginationen sukzessive das Terrain zu überlassen. Zuerst entsteht die Grundsituation aus einem harmlosen Wortspiel; daraufhin muß sie den Ort und die Beteiligten akzeptieren; die Rollenverteilung erfährt sie aber erst nachdem der Film schon abgedreht ist.


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