Rapport als utopische Kommunikation am Beispiel von Achim von Arnims Majoratsherren


Aber ehe er entschlossen, ob er sich einem kühnen Sprunge hingeben, oder durch ein Brett beide Fenster in aller Sicherheit vereinigen könnte, hörte er, wie alle Abende, einen Schuß, und es überfiel der gesellige Wahnsinn die schöne Esther schon wieder.

Die Kommunikation zwischen dem Majoratsherren und Esther bietet sich als Beispiel für den Eingang mesmerischer Elemente und - unserer Linie folgend - für die Prozessierung und Umwandlung eben dieser an. Der Majoratsherr ist nicht nur überspannt und mit dem zweiten Gesicht versehen, er ist auch scharf als Künstlerfigur konturiert, wenn er sich selbst in der Tat auch nur als Dilettant1 versteht. Die einigermaßen banale Bemerkung über seine Rolle als distanzierter Betrachter, kann man über die folgende Präzisierung aufwerten: Alles was nicht im unmittelbaren Existenzkontext des weltschauenden Künstlers steht, wird auch schon bei ihm mit Attributen der Absurdität oder Maschinenhaftigkeit2 ausgestattet:


"(...) ihm war´s, als wären die hohen hölzernen Häuser nur aus Pappdeckeln zusammen gebaut, und die Menschen hingen wie ein Spielzeug der Kinder an Fäden, und regten sich, wie es das Umdrehen der großen Sonnenwalze ihnen geboten."


Die erste Verbindung zwischen beiden erfolgt, seitens des Majoratsherren, als Betrachten, aber als Betrachten ohne betrachtet zu werden, wenn dies bei Barkhoff u.a. als Voyeurismus bezeichnet wird, dann so weit, wie jede Betrachtung bei der man nicht ins Bild gezogen wird (oder fällt), eine voyeuristische ist. Er ordnet an, die Fenster mögen nicht geputzt werden, und als es doch geschieht wird er - ironisch?- in die tastbare Nähe Esthers gezogen, um seine Warte wieder mit dem Material, den Vorhängen, für die nötige Einseitigkeit im Informationsfluß, wie er glaubt, auszustatten3. Die Situierung der beiden ist einigermaßen auffällig und so auch nicht den Interpreten entgangen; worauf aber meines Wissens nicht hingewiesen wurde, ist die Verbindung zwischen Sprungnähe und Tele-pathie. Daß der Majoratsherr den Sprung erst unternimmt, als es für - diesseitige - Lösungen schon zu spät4 ist, zeigt ihn als außerkontextuell ästhetisch vorgehenden Menschen und steht im Zusammenhang mit den anderen in der Romantik unternommenen Gedankenexperimenten, die das Ästhetische außerhalb seines zugewiesenen Habitats austesten, wie etwa die Verführung. Das erscheint als konkrete Konstellation nicht übermäßig überraschend und schon gar nicht tadelnswert. Kurioser nimmt sich da schon die Nähe/Ferne Opposition aus: Legt man die radikale Opposition "Identität/Distanz" zugrunde, so handelt der Majoratsherr sehr konsequent; denn der Sprung in die physische Nähe ist der distanznivellierenden Gleichschaltung der Bewußtseinsinhalte gegenüber eine vernachlässigbare Größe.5 Was über die Gleichschaltung erreicht wird, ist nicht mehr ein mehr oder weniger einfältiger Kommunikationsentwurf, wie in der "Inszenierung" im Geisterseher, sondern ein die Kommunikation begrenzender Idealfall. Das Prekäre einer Kommunikation zwischen Produzenten und Rezipienten über das literarische Werk (als "Flaschenpost - Cortázar) spiegelt sich eben über die Thematisierung von Grenzfällen, die vor allem die Auflösung der Innen/Außen-Differenz betreffen6; die Thematisierung der literarischen Kommunikation umgibt sich mit solchen von allgemeinen kommunikativen Grenzfällen. Die grundsätzliche Fallibilität von Kommunikation hat Gerold Ungeheuer7; in seinem Entwurf auf diese Dichotomie gegründet. Ohne äußere Hilfestellungen (übergeordnete Sozialhandlungen...) stellt sich Kommunikation als kruzial dar, d.h. der Sprecher kann nie die Gewißheit erlangen, ob der Hörer seine Verstehensanweisungen auch "befriedigend" befolgt und in seinem "Innen" ein für ihn akzeptables Korrelat konstruiert habe.8 Verbale Kommunikation zwischen Esther und dem Majoratsherrn läuft nur indirekt ab. Sie zitiert in ihrem "geselligen Wahn" die Gestalten herbei, sie invoziert sie; die Worte spielen ihre weltschaffende Kraft aus; sie schaffen auch durchaus im künstlerischen Sinn, sie produzieren ein Werk. Er rezepiert das Werk - über den Rapport - durch ihre Augen und daher auch gleichzeitig und unproblematisch. Die interindividuelle Innen/Außen-Differenz erscheint kurzfristig überbrückt.9



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