Arnims Majoratsherren als phantastische ErzählungDie Eingliederung dieser Erzählung in den Bereich der Phantastik wird schon ob ihrer markanten Strukturierung plausibel. Der kränkliche und hypersensible Majoratsherr verfügt über das zweite Gesicht. Die grundlegende Struktur könnte man auf diese Verdoppelung reduzieren, die sie an einigen Punkten die von Todorov beschriebene Struktur 1 berühren läßt; im Speziellen zeigen "Die Majoratsherren" Ähnlichkeiten zu der anläßlich von "Aurélia" von Nerval angestellten Betrachtung2. Eigentlich dürfte keine hésitation aufkommen, da der Majoratsherr von Beginn an mit allen Stigmen der pathologischen Geisterseherei versehen3 ist, und die Erzählperspektive es auch fast nie verabsäumt, seine Transpositionen in die gesunde Alltagswelt zurückzuübersetzen. Gerade an den Stellen, wo er das "höhere Wissen" auf seiner Seite hat, entsteht der "hésitation" über die Allegorisierung ein weiterer Hindernisgrund. Meistens kann man dem "höheren" Bereich eine Metapher - oder in der Fortführung eben eine Allegorie - zugrunde legen. Als der Chirurgus in seinem Wagen geführt von seinem abgemagerten Kutscher, gezogen von abgerackerten Gäulen vorbeifährt, da installiert sich die zweite Ebene ausgehend (da das Ziel natürlich die offenbar ein wenig zu schneidende Tätigkeit abgibt) von dem Vergleich zwischen den physischen Attributen des Kutschers und der Pferde und "Tod (etwa "wie der leibhaftige Tod"), Hunger und Elend:"'Und wer fährt dort?' rief er; 'der Tod sitzt auf dem Bocke, Hunger und Schmerz zwischen den Pferden; einarmige Geister fliegen um den Wagen und fordern Arme und Beine von dem Grausamen zurück, der sie mit kannibalischer Begierde ansieht.'" Die Aufgabe des Vetters ist es, die Luftgeister wieder an die Erde zu binden", d.h. die konkreten Ansatzpunkte für die Ausschweifungen des Majoratsherren herauszufinden4: "'Ich will den Mann rufen, lieber Vetter, daß er Ihren Puls fühle', entgegnete der Vetter, 'es ist unser bester Arzt und Chirurgus. Sie haben ihn gewiß an seinem schmalen, einsitzigen Wagen erkannt; sein Kutscher ist freilich mager, und seine Pferde abgetrieben, aber die den Wagen umflattern, sind Sperlinge, und die ihm nachbellen, Gassenhunde.'" Hier handelt er allerdings nicht so sehr - seiner sonstigen Zeichnung nach - als Utilitarist, sondern schon eher als ein in die Jahre gekommener Poetiklehrer, der die metaphorische Abweichung mit Maß lehrt. Diese Transponierbarkeit würde die Entstehung eines phantastischen Schwebezustandes verhindern; allein gilt es nur an den zitierten Stellen aufzumerken, wie dem Allegorischen - vorausgesetzt die Erzählperspektive markiert diesen Abschnitt nicht - als Nebenwelt über die Kohärenz und Komplexität selbst Realitätsprädikate eignen. Nur darf man dazu keine Schmetterlingsphilologie betreiben und die Erzählung am Ende aufspießen.
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