Para-Kommunikation und Tod
Wie ein Handschuh im Herabziehen von sich selbst umgekehrt
Die Majoratsherren und Lejana enthalten eine Reihe von durchaus
reißerischen Motiven; eines sticht aber besonders hervor: das
Sich-Selbst-von-außen-Erleben.
Höhepunkt des "geselligen Wahns" und das Schaudern des Majoratsherren
bildet seine imminente Eingliederung in den Reigen
("Bei diesen Worten durchgriff eine kalte Hand den Majoratsherren. Er
fürchtete, sich selbst eintreten zu sehen; es war ihm, als ob er wie
ein Handschuh im Herabziehen von sich selbst umgekehrt
würde.");
daß er sich dann doch nicht sehen - wohl aber hören - kann, trägt
wenig zur Beruhigung1 bei.
Dieselbe eiskalte Hand durchgreift Alina, als sie überlegt, sie könnte
sich selbst in Budapest begegnen:
"Ir a buscarme. Decirle a Luis María: 'Casémonos y me llevas a
Budapest, a un puente donde hay nieve y alguien.' Yo digo: ¿y si
estoy? (Porque todo lo pienso con la secreta ventaja de no querer
creerlo a fondo.) ¿Y si estoy? Bueno, si estoy... Pero solamente loca,
solamente...¡Qué luna de de miel!"
In beiden Fällen ist es das Bevorstehen eines endgültigen
Identitätsverlustes, das das Schaudern auslöst. Die Rapportsituation
könnte man als Als-ob-Identität beschreiben, da die telepathische
Kommunikation zwar unmittelbar verläuft, doch über eine übergeordnete
Instanz als revidierbar dargestellt wird. Der überindividuellen -
"geistigen - Einheit steht die Konstruktion der persönlichen
psychisch-physischen gegenüber. In dem Moment aber, wo der Körper von
außen umfaßt zu werden vermag, wird die Rückbindung zumindest prekär.
Die von Arnim verwendete Handschuh-Metapher taucht bezeichnenderweise
in den literarischen Notizen Morellis in Rayuela wieder auf:
"A Morelli eso debía parecerle importante porque había multiplicado
las notas sobre una supuesta exigencia un recurso final y desesperado
para arrancarse de las huellas de la ética inmanente y trascendente,
en busca de una desnudez que él llamaba axial y a veces el
umbral.[Hvh.im Text] ¿Umbral de qué, a qué? Se deducía una incitación
a algo como darse vuelta al modo de un guante[Hvh.v.mir], de manera de
recibir desolladamente un contacto con una realidad sin interposición
de mitos, religiones, sistemas y reticulados."
Das Ergebnis des Umstülpens ist die Überwindung der
Innen/Außen-Differenz; auch der "Körper-Geist-Dualismus soll über die
inwendig-auswendige Bewegung aufgehoben werden. Die überkommene
metaphorische Annäherung wird in der Folge mit Ergebnissen der
Teilchenphysik plausibilisiert und bildet das - vom "Club
mitleidig belächelte - ideologische Rückgrat der Paradiessuche
innerhalb der Morellischen Romantheorie. Das Arnimsche Schaudern vor
dem beinahe Unaussprechbaren wird in Rayuela zur Chance, die
Denkmuster der westlichen Geistesgeschichte zu übersteigen; was
überdauert, ist die literarische Verarbeitung einer kommunikativen
Grenzsituation, einer Parakommunikation.
Bei (Jung-Stilling oder Schubert) ist das Selbstsehen schon als
Todesvorzeichen2 dokumentiert. Ist der Tod der Zeitpunkt, an
dem sich der Mensch in unterschiedlich Beschaffenes teilt (etwa
Körper/Seele), so ist das Selbstsehen eine narrative Tempusverschiebung. Ebenso narrativisch besehen, bildet die Verdoppelung
erstens die Möglichkeit, Übereinanderliegendes nebeneinander
darzustellen, Paradigmatisches in Syntagmatisches zu
überführen; zweitens nimmt sich das Selbstsehen weniger als ein böses
Augurium aus, als daß hier eine perspektivische Notwendigkeit besteht,
die man Hanna Arendt paraphrasierend so bezeichnen kann: Erst
abgeschlossene Geschichten kann man überblicken und erst über
vollendete Leben läßt sich erzählen, ohne sich der Gefahr auszusetzen,
von eben diesem lügen gestraft zu werden.
Vernetzung
Fußnoten
1 Henel bestätigt, an Wolfgang Kayser (Kayser, Wolfgang, Das Groteske. Oldenburg u. Hamburg 1957) anschließend,
die Exponiertheit dieser Szene, hebt aber dann Arnims Milde hervor
nicht bis zum Ende gegangen zu sein: "Aber er sieht sich ja dann
gerade nicht, der Dichter erspart seinem Helden und uns dies Grauen
und geht statt dessen zu einer teils verständigen, teils
schmerzlich-lieblichen Unterhaltung der Liebenden über." - Henel, Heinrich, Majoratsherren. In: Klaus Peter(Hg.), Romantikforschung nach 1945. Königstein/Ts. 1980 S.
163-164.
retour
2 Sollten Sie dabei an Nicolas Roegs Film "Don't look now"
("Wenn die Gondeln Trauer tragen") - nach einer Kurzgeschichte von
Daphne du Mauier - denken, so können Sie auch Cortázar mitdenken. In
La barca o Nueva visita a Venecia (J.C., Pasajes. Madrid 1976.
S.48-82), einer Erzählung, die laut Vorspann 1954 entstanden sei,
beendet Valentina ihren Venedigbesuch auf ähnlich adäquate Weise:
"'Ahí voy yo', alcanzó a decirse Valentina, ahí iba ella en ese
ataúd, más allá de esa mano que le apretaba brutalmente el brazo.
(...) Los cigarrillos o lo que fuera, qué importaba ya si ella iba
embarcada en la góndola negra, camino de su isla sin miedo, aceptando
por fin la golondrina."-S.82. retour
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