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Von Mesmer bis Möbius: Quer- und Längskontexte Eine Klarstellung zur Parallelität von Literatur und (Natur-)WissenschaftFür phantastische Literatur im weitesten Sinn gilt, daß ihr seit der Romantik bis hin zur Phantastik des 20.Jahrhunderts eine Reihe von naturwissenschaftlichen - und auch para-naturwissenschaftlichen - Kontexten erwachsen; als Minimalkriterium für den "Eingang in Literatur müssen sie ein gewisses Suggestivpotential in sich tragen. Als Anlehnungskontexte1 nimmt sie sich besonders gern einzelner, innerhalb der naturwissenschaftlichen Systematik verwaister Phänomene und Beschreibungsweisen an, aber auch enger vernetzter Phänomene2, wobei sie hier vor allem die Rolle einer spielerischen Extrapolation übernimmt. Diese Kontextbildung korreliert selbstverständlich mit dem wachsenden Prestige, das dem naturwissenschaftlichen Zugang innerhalb der Gesellschaft zukommt. Caillois nimmt den Aufschwung der Naturwissenschaften als Grundlage für seinen durchaus fruchtbaren Versuch einer Grenzziehung. le féerique, das den geistesgeschichtliche Correspondant zu Todorovs linguistisch-narrativer Kategorie des "merveilleux" darstellt, führt ein unbekümmertes Leben vor oder neben den empirischen und wissenschaftlichen Gewißheiten3. Le fantastique konstituiere sich als Gegenpol zur Naturwissenschaft (oder zu dem von ihr abgesunkenen Kulturgut); die Phantastik rufe das unmöglich Gewordene wieder herbei4; das gegen wird zur konstituierenden Folie:"Il ne saurait surgir qu'après le triomphe de la conception scientifique d'un ordre rationnel et nécessaire des phénomènes, après la reconnaissance d'un déterminisme strict dans l'enchaînement des causes et des effets." (Wichtig ist, kann man noch hinzufügen, daß sich das gegen auf einen ein wenig blauäugigen oder imperialistischen (sprich positivistischen) Wissenschaftsanspruch bzw. auf seine sich weiter iterierende Reduktion in der alltäglichen Anwendung bezieht.) Das dritte Mentalitätszeitalter ("le troisième age" - Caillois) breche dann mit der science-fiction herein. Das Wunderbare tritt aus seiner Nische, sich extrapolierend an das herrschende Produktionsverfahren von Gewißheit andockend: "La palinodie consiste en ce fait que l'effroi ou le mystère ne proviennent plus de la rupture de l'ordre des choses par des entités qui échappent, mais qu'ils naissent des corolaires immédiats de l'analyse la plus rigoureuse et des découverts les mieux attestées." Problematisch erscheint, daß das wirkungsästhetische Potential der phantastischen Doppelstruktur in diesem Abfolgemodell als erschöpft gelten müßte; des weiteren merkt Caillois nicht an5, daß die Avantgarde der Naturwissenschaft eine Avantgarde für das Alltags verständnis bzw. für die stille alltägliche Grundannahme geblieben ist und wohl auch bleiben wird, d.h. diese Naturwissenschaft fungiert nicht mehr als nachvollziehbare Erzeugerin von Gewißheit; ist also in ihrer soziologischen Funktion nicht mehr mit der mechanistischen Naturwissenschaft, die immer schon die technische Umsetzung und damit alltägliche Bedeutung mit sich führte6, vergleichbar. Umberto Eco - und im Anschluß an ihn Jaime Alazraki - gehen das Thema des Querkontextes subtiler an. Mit der epistemologischen Metapher wird dort der assimilierende Umgang mit wissenschaftlicher Erkenntnis beschrieben: "Die Wissenschaft ist der autorisierte Bereich der Welterkenntnis, und jedes Streben des Künstlers in dieser Richtung laboriert, so sehr es auch poetisch produktiv werden mag, an einem Mißverständnis. Aufgabe der Kunst ist es weniger, die Welt zu erkennen, als Komplemente von ihr hervorzubringen, autonome Formen, die zu den schon existierenden hinzu kommen und eigene Gesetze und persönliches Leben offenbaren."7 Soweit läßt sich ihm nur beipflichten8; problematisch wird die Aufgabe, will man den Weg des Inputs nachzeichnen, wie in der Definition der epistemologischen Metapher: "(...)das will heißen, daß in jeder Epoche die Art, in der die Kunstformen sich struktieren durch Ähnlichkeit, Verwandlung in Metaphern, kurz Umwandlungen des Begriffs in Gestalten, die Art, wie die Wissenschaft oder überhaupt Kultur dieser Epoche die Realität sieht, widerspiegelt." Eco erweitert w.u. die epistemologische Metapher zu einer Strukturanalogie, ohne jene aufzugeben, obschon diese weit fruchtbarer werden könnte, da nicht mehr von einseitigen Umwandlungen von "Begriffen in Gestalten die Rede ist. Wird in konkreten literatur wissenschaftlichen Untersuchungen die Bedeutsamkeit des äußeren Elements für die Gestaltung eines Werks betont, so wird auch immer wieder auf eine Art der Strukturanalogie rekurriert. In der weiter unten zu besprechenden Arbeit von Jürgen Barkhoff etwa: "(In den Majoratsherren werde -Anm.) der Mesmerismus schließlich strukturierendes und bedeutungsorientierendes Zentrum.". Weniger problematisch bei Eco, der ja auch seine Betrachtung als einen ersten Gedankenanstoß verstanden haben will, als bei Alazraki, der diesen Ansatz unbefragt übernimmt, ist auch von der Wissenschaft zu sprechen, als ob einander nicht die lebensweltlichen Projektionen - und um die geht es hier und nicht um einen Standard für die Erzeugung von Aussagen - verschiedener Wissenschaftszweige widersprechen würden9; betrachtet man die Kultur überhaupt, wird die Angelegenheit vollends haarig: Will man die Mentalität rekonstruieren, wird man spätestens in unserem Jahrhundert schwerlich einheitliche Kulturträger ermitteln können; treibt man andererseits die Abstraktion so weit, daß der Hutfilz über alle gespannt werden kann, dann verliert die Relation jegliche Aussagekraft. Ecos Beispiele tun das ihrige dazu, diese Befürchtung zu bestärken (der geschlossene Horizont des Mittelalters, das Raum-Zeit-Kontinuum bei Joyce...). Was Caillois nicht behandelt und was nicht im Themenbereichs Ecos lag, ist die Frage nach der Art, wie etwa das in einem beinahe linguistischen Vakuum gewonnene Wissen überhaupt relevanten - Beziehung aufrecht erhaltenden - Eingang in Literatur findet, d.h. als Literatur zu gelten vermag. Noch allgemeiner formuliert: Geht man von einer literarischen Kontinuität aus - von der man allein schon ausgehen muß, sobald ein Werk von Rezipienten in diese Reihe gestellt wird, die noch dazu bei den hier behandelten Autoren über formale Kohärenz besonders stark ausgeprägt ist - dann ist dieses Kontinuum nicht beliebig, im Sinne von fremdbestimmt, variierbar; oder anders ausgedrückt: Der Anstoß zur Variation muß zuerst einen Filter passieren, dessen Selektivität den Fortbestand der Reihe sichert. Auf den hier unternommene Beschreibung als "Quer-und Längskontexte angewandt: Naturwissenschaftliche Ergebnisse bilden als Querkontexte den Pool, aus dem für literarische Selbstbeschreibung selektiert wird. Das impliziert weiterhin - innerhalb der hier zugrunde gelegten Annahmen -, daß Quer-und Längskontexte sich nicht auf derselben Ebene befinden. Der "Querkontext mag als eine analoge Beschreibungsebene für Literatur- oder Kulturwissenschaft gelten, die natürlich schon Interpretationsarbeit voraussetzt und die nicht nur legitim sondern auch notwendig ist; die Erklärungsebene betrifft den Nachvollzug der Selektionskriterien, die aus dem Längszusammenhang gewonnen werden. Die stille Grundannahme, man könne einen "literarischen Körper - als diachronen Bereich der Tradition - von einem synchronen Bereich des aktuellen Inputs, der Bekleidung, die ja bekanntlich der Mode unterworfen ist, scharf trennen und zwar dergestalt trennen, daß der naturwissenschaftliche Querkontext die Aktualität und Gültigkeit der Literatur sichere, teilt das Schicksal vieler stiller Annahmen: Sie bedarf der Stille. Wäre der Input beliebig, so könne es - wie hier behandelt - im narrativen Bereich zu keiner ungebrochenen Form kommen. Des weiteren kann man anführen, daß die Literaturwissenschaft als Wissenschaft wohl Progressivität beanspruchen muß, sie diese allerdings nicht - in wissenschaftlicher Hinsicht - ungefragt auf ihren Gegenstand übertragen darf. Was in der Wissenschaft als obsolet gilt, muß nicht das sein, was der Literatur ein schon Vergangenes ist. Der Inhalt des synchronen und des diachronen Bereichs überlappen einander. Der gnoseologische Input wird so weit prozessiert, dem Eigenen assimiliert - das ist die Hypothese, die dann vor allem an Cortázar plausibel werden soll -, daß er im literarischen Gewand "legitim"10 weitergereicht werden darf; d.h. die "wissenschaftlichen Atavismen schreiten, wenn auch getarnt, auf der literarischen Heeresstraße voran.
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