Wollust und
Genuss sind auf zwei unterschiedlichen hierarchischen
Ebenen miteinander verwoben, so daß sich Wollust sowohl als
gleichrangiger
Gegenentwurf zu Genuss wie auch als Unterbegriff
beschreiben läßt
1 . Will man die Situierung der Kunst gegenüber
anderen Bereichen der Kultur noch einmal bemühen, so bedeutet
"Wollust" in noch spezifischerer Form die Schnittstelle zum religiösen
Bereich2. Wollust bildet einen Zentralbegriff in den Texten der
Mystiker (als "das, was Freude bereitet" oder aber zur
inneren
Beschreibung des Lustgefühls3). Sehr bezeichnend ist, daß
dieser Begriff im Lovell wieder Bedeutung zukommt und sogar eine Figur
(Balder) einzig über ihn charakterisierbar wird.
Eine interessante Annäherung bietet der Vergleich mit den von Roland
Barthes für die Metabeschreibung des kulturellen (bzw.
antikulturellen) Gestus' von Texten herausgearbeiteten französischen
Begriffen "plaisir" und "jouissance". In der deutschen Übersetzung
wird dieses Paar - immanent durchaus plausibel - mit "Lust" und
"Wollust" wiedergegeben. Der "texte de plaisir" bricht nicht mit der
Kultur, bleibt an eine behagliche Lesepraxis gebunden, ist schließlich
durch einen profunden
Hedonismus gekennzeichnet
4. Der "texte de
jouissance" droht stets mit dem Verlust der historischen und
kulturellen Basis, er bereitet Unbehagen, ruft eine Krise im
Verhältnis zur Sprache bei seinem Leser hervor.
"jouissance" spaltet sich im deutschen Begriffspaar - zumindest in dem
hier relevanten
Zeitraum - nochmals auf
5. Die Relation
verschiebt sich weiter hin zum Bruch (zur Sprachlosigkeit - mit
Barthes); mit "Wollust" ist immer schon das "zu weit", die
Grenzüberschreitung bezeichnet.
Hier geht es - im Unterschied zur Gewichtung bei Barthes - um das
Nachspüren der Thematisierung der "Wollust" und nicht um einen
metalinguistisches Beschreibungsansatz von Texten. Auch hier trifft
sich Cortázar wieder mit der Romantik: Im Spiel der "Wollust"
(jouissance) ist der Einsatz nicht die Sprache, sondern es geht um den
Verlust der Kultur6, der noch gesagt werden kann.
Der schon im Kapitel "Ästhetische Willkür" - eher zur Illustration -
herangezogene anthropologisch-spieltheoretische Ansatz läßt sich hier
noch dichter in die Argumentation knüpfen. Caillois unterscheidet vier
anthropologische Prädispositionen7, die er seiner
Kategorisierung der Spiele unterlegt: alea, agôn, mimikry und
ilinx8. In mit alea umschriebenen Spielen verschreibt sich der
Spieler unwiderruflich ("Der Rechtsweg ist ausgeschlossen...") dem
Außen, dem Schicksal, Zufall, Hasard. Agôn geht von ausgeglichenen
Startvoraussetzungen ("Handicap"...) aus, der Zufall soll
ausgeschlossen bleiben. Mimikry beschreibt Verwandlungs- und
Rollenspiele; ilinx schließlich den selbt gesuchten und
hervorgerufenen Taumel. Ilinx ist nun der spieltheoretische Begriff
für Wollust; bei Caillois wird er folgendermaßen charakterisiert:
Ilinx greife einerseits die stabile Wahrnehmung und die Vernunft als
Tagseite überhaupt an
9. Andererseits komme im Taumel ( den man
auch als nicht nur physiologisch bedingte "Fallsucht" bezeichnen
könnte, ) auch ein asozialer und
amoralischer Gestus hervor10,
der das Individuum mit der unsäglichen "Wohllust" der Zerstörung von
unzerbrechlich etabliert Scheinendem durchgreift. Beim ethologischen
Rückgriff (auf ein spielerisches Verhalten der Gibbons) klingt der
Todestrieb Freuds an:
"Il se rattrape comme il peut et recommence sans fin et exercise
inutile et inexplicable autrement que par sa
séduction
intime."
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