Imagination und Impotenz
Il n'est pas dangereux, comme en une drogue médicinale en un conte ancien, qu'il soit ainsi ou ainsi.
Kapitel XXI aus den Essaies von Michel de Montaigne
Kapitel 21 seiner »Essaies« widmet Montaigne der Einbildungskraft (»De la force de l'imagination«). Dieser Tatbestand sollte beim geneigten Leser keine übermäßige Verwunderung hervorrufen, zumal der Mann aus dem Périgord als Vater des literarischen Essays gilt, dem wenn schon nicht die Stringenz, so allemal die Imagination konstitutiv ist; dergestalt bietet sich das Thema zur Selbstreflexion an.
Die Einbildungskraft ist der Motor der Sympathie, sie vermag den Wahnsinn herbeizuführen (als Preis der Selbstüberlistung), lässt Hörner wachsen, ringt dem Schlaf des Jünglings ein Zeugnis ab und treibt aus unbedarften Mädchen das gegenteilige Geschlecht heraus (als massive Warnung vor dem übermäßigen Begehren des Anderen - gegenteiligen und nicht komplementären -; die Widerartigkeit erführe hier eine eigentümliche Bedeutungszuordnung als tantalische Perversion sexueller Befreiung: Widerartig ist, den Widerpart so mächtig zu begehren, dass die konstitutive Spannung aufgehoben, das Spannungsfeld einem digitalen Blinken weicht, das »wider« wird zum tantalischen immer »wieder«).
Die Einbildungskraft erscheint sofort an die Ohnmacht gebunden, die Abhandlung von der »force de l'imagination« wird zu einer über die impuissance und die Impotenz.
Dem Versagen im Liebesakt liegt eine außerkörperliche Kraft zugrunde. Als Kraft hat sie eine Ursache. Liegt diese außerhalb des imaginativ-somatischen Ensembles, so haben wir den Fall der mannigfaltigen Hexereien wie etwa des Nestelknüpfens. Monsieur de Montaigne führt aber gerade hier einen Freund ins Treffen, bei dem er die Empfänglichkeit für solche Praktiken ausschließen kann, »für den er wie für sich selbst einzustehen vermag«(Stilett-Übersetzung).
Da nun dem Freund weder Schwäche noch Behextsein(?!) nachgesagt werden können, so kommt die Einbildungskraft zu ihrem Recht. Dem erstmaligen Versagen dieses Freundes liegt jedoch nicht ein traumatisches Erlebnis zugrunde, sondern die bloße Erzählung eines solchen Vorfalls durch einen Dritten. Erzählung und Wirkung. Das Wort ersetzt die Nestel; das Wort - aber nur das selbst hervorgebrachte oder reproduzierte; hierauf fußt die Unterscheidung zwischen Hexerei und Suggestion - bindet wie eine Nestel.
Monsieur de
Montaigne feiert den Gründungsmythos des Schreibens mit einer
pikanten Variante der Dialektik zwischen Macht und Ohnmacht. Die
Macht der Einbildung will erkauft sein, der Tribut wird an der
unwillkürlichsten
Stelle entrichtet.
Dramatischer noch gestaltet sich die Ohnmacht im
Kampf der Erzählungen. Wenn das Sensorium der Schöpfung
nicht mehr unmittelbar um das zeugende Organ gebündelt ist, so
vermag gerade die Erzählung des anderen die Vollziehbarkeit der
Zeugung aufzuheben.