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DAS GROSSE DUELL VON LAMPIÃO
MIT DEM FORSCHER

Heute will ich euch erzählen,
Von einem, der schon viel gereist.
Was er gefunden in dem Lande,
Das nach seinem Holze heißt.
Aufgehängt an einer Schnur
Fand er dort Literatur
Mit viel Geschichte, Witz und Geist.

Auf den Märkten des Nordostens
Kann man sie noch heut' erleben
"Repentistas" - Bänkelsänger
Ihre Kunst zum Besten geben.
Die Reimschemata sind fixiert,
Die Verse voll improvisiert,
Gitarren zum Duell sich heben.

So kam es dann zu diesem Treffen
Auf einem Markt trug es sich zu,
Von Lampião, dem Cangaceiro,
Zu Besuch in Caruarú,
Mit einem Forscher aus fernem Land
"Pesquisador" ward er genannt
Von Belém bis Iguaçú

Lampião war einst gefürchtet
Im Nordosten als Bandit.
Seine Held- und Greueltaten
Besungen in so manchem Lied.
Legende schon in Bild und Schrift,
Wer off'nen Auges geht, der trifft
Ihn hierzuland auf Schritt und Tritt.

Sehr viele sind herbeigeeilt,
Die "cantoria" zu erleben,
Darunter auch zwei "cordelistas",
Um schriftlich Zeugnis dann zu geben.
Verstärkt über ein Mikrofon,
hört man nach kurzer Pause schon,
Lampião die Stimme erheben

L: Oi, o seu pesquisador!
Willst dich im Gesange schlagen?
Meine Wurzeln hab ich hier,
Und du willst es dennoch wagen?
Kannst gut lesen und auch schreiben,
Trotzdem werd' ich Sieger bleiben
Kann's losgehen oder gibt's noch Fragen?

P: Ich hör Dich große Worte sagen,
Aber weiß nicht wer Du bist
Lampião starb '38...
Oder wird er nur vermisst?
Im Himmel Petrus aufgeweckt,
Dann die Hölle angesteckt,
Geschichten, die man nicht vergisst.

L: Ich bin nun mal ein Optimist.
Was in den Heftchen steht ist wahr,
Himmel, Hölle, Fegefeuer,
Überall war ich schon da.
Und dennoch bin ich Nordestino
Als solcher schon zu sehen im Kino,
Ich bleibe hier, das ist doch klar.

P: Die sind wirklich wunderbar,
Die kleinen Hefte meine ich,
"Literatura de Cordel"
So nannt' in Portugal sie sich.
Verschriftete Oralstruktur,
Von Markt zu Markt geht ihre Spur,
So dass sie einer Zeitung glich.

L: Und wichtig war sie auch für mich,
Da alle meine Abenteuer
In die allerkleinsten Dörfer
Sich ausgebreitet wie ein Feuer.
Ein Heft vom Markte mitgebracht,
Unterhielt das Dorf die ganze Nacht
Sozialevent und gar nicht teuer.

P: Diese Kultur ist ungeheuer,
Im 17. Jahrhundert schon,
Verwurzelt in Europas Ländern,
Gab es diese Tradition.
Der Medien Gezeitenwende
Setzte ihr jedoch ein Ende.
Nur in "Brasil" kam sie davon.

L: Schon lange vor dem Telefon,
-Es war um die Jahrhundertwende-
Entstanden hier die ersten Werke
Von Poeten, die behende
Schrieben was von Interesse,
Auf dass man es ja nicht vergesse.
Zu kaufen an der Märkte Stände.

P: Was auch immer grad im Trende
Wurd' in dieser Form beschrieben
Alte Sagen und auch Märchen,
Dürren, Flut - nicht übertrieben,
Politisches und auch Soziales,
Adabeis - doch meist Lokales
Alles feinstens aufgeschrieben.

L: Nach des Publikums belieben
War'n die Themen ausgewählt.
Die Reime und die Silben, aber,
Sind sorgfältig abgezählt.
4,6,7 oder 10
Zeilen in der Strophe steh'n,
Der Silbenanzahl eng vermählt.

P: Den schlechten Dichter hat gequält
Der Zeilen feste Silbenzahl
5, 7 oder aber 10
In den "folhetos" war normal.
"Sextilha" hieße diese Strophe
Mit 7 Silben im Original.

L: Der 6-Zeiler ist zwar banal,
Verwendet schon seit Anbeginn,
Riss er bereits Leandro hin;
Demnach ist er fundamental,
Und schön, das ist er allemal.
Doch viel mehr Kunst in jener Hand,
Und Ruhm für den, der aus dem Stand
"Décimas" zu dichten weiß.
So wahr ich Virgulino heiß,
Derjenige, der hat Verstand.

P: Bin Forscher nur aus fernem Land,
Die Dichtung ist nicht mein Revier,
Beschränke auf die "quadra" mich,
Die Zeilenanzahl ist nur vier.

L: Gut hast du gekontert mir!
7 soll'n es wieder sein
Die "setilha" wie zu Beginn
Du beherrschst auch diesen Reim.
Hast Dich wacker hier geschlagen,
Zieh meinen Hut, das muss ich sagen.
Ganz ohne Schande kehrst Du heim.

P: Danke für den letzten Reim,
Fühle mich auch sehr geehrt,
Doch auch Du schwingst schnelle Worte,
Hab mich Deiner kaum erwehrt.
Ich denke das Duell war gut,
Dennoch ist noch nichts im Hut...
Sagt, Leute, war euch das nichts wert?

L: Ja, hier werft's rein, s'ist nicht verkehrt.
Pesquisador, sag doch noch schnell,
In Rio und São Paulo warst Du
- Bevor ein Ticket ich bestell:
Hast Du dort im Zentrum unten
Auch etwas Kultur gefunden?
(Natürlich mein' ich das "Cordel")

P: Ich sag's Dir langsam (s'ist ja noch hell):
In diese Städte sind migriert
Nordestinos, so reich an Zahl
Dass man den Überblick verliert.
So entsteht eine Struktur
Der Nordost-Populärkultur
Die auch Sänger dort gebiert.

L: Gut, dass sie sich nicht verliert,
Unsere Literatur
Dann kann ich nämlich weiterzieh'n,
Bin was großem auf der Spur.
Muss mit "Indígenas" marschieren,
Gegen "500" demonstrieren,
"Resistência!", sag ich nur.

G anz genau so ist's gewesen
E instmals in Caruarú
R undherum sah'n Menschen zu
A uch wenn sie nicht sehr belesen
L iefen sie - trotz aller Spesen
D orthin zu sehen das Duell.
R iefen dazwischen, lachten hell,
A lle fanden's richtig toll.
A lso erhaltenswert sehr wohl:
B rasiliens "LITERATURA DE CORDEL"