Entremes: Täter und Opfer, Viktimologie und "suspension of disbelief"
Die Verführung als Kommunikationsparadigma wird von Cortázar einerseits im Spiel modifiziert und beschränkt. Andererseits erlaubt der "ästhetische" Blick, das rituelle Verhältnis von Täter und Opfer freizulegen. Das Ritual, das Opferwerk, bedarf aber der Mitwirkung beider. Die Kommunikation zwischen Täter und Opfer ist in ihrer Asymmetrie im Tagebuch durchgehend negativ - wertend, folgt man der Rezeptionsvorgabe des Herausgebers; abbildendend, folgt man der Selbstbeschreibung von Johannes - belegt. Bis auf die vorangestellten (ungeöffnet zurückgesendeten) Briefe Cordelias ist vom Geschehen nur aus der Perspektive des kühlen Verführers(1) zu erfahren. Asymmetrisch zeigt sie sich aber auch, da Johannes die Kommunikation zwar steuernd betreibt, in letzter Konsequenz immer aber die Rolle des Dritten einnimmt. Als überlegter und überlegener Verführer fällt er unter ethische Bestimmungen. Die Verführte wurde auch nur betrogen, da das, was für sie tendenzlos zu liegen kommt, - ähnlich wie im Geheimbund - unbemerkt von außen - zielgerichtet - inszeniert(2) worden ist. Cortázar stellt den nicht konventionellen Aspekt dieser Kommunikation dadurch heraus, daß er sie symmetrisch gestaltet, indem er den notwendig aktiven Anteil des Opfers am Vollzug des Rituals anzeigt. In den Relaciones sospechosas, die mit Aufnahmen von Serienmördern illustriert sind, berichtet er von seiner Begegnung mit dem Bösen. Das Böse trägt (schwarzen) Mantel und Hut und fährt in einem Pariser Autobus der Linie 92 in Richtung Gare Montparnasse. Keiner weiß, wo der eigentlich unauffällige, aber - irgendwie unheimliche - Mann eingestiegen sein mag, doch es bildet sich unter den Fahrgästen sofort eine unausgesprochene Allianz. Die Präsenz des Bösen manifestiert sich als Vakuum; über die Angst ist die Verbindung schon hergestellt, auch wenn sie sich an nichts festmachen läßt:
"En algún momento tuve conciencia del miedo que se había venido instalando poco a poco en esa plataforma donde a nadie se le hubiera ocurrido imaginar que alguna vez tendría miedo. No sé describir una cosa así; era un aura, una irradiación de mal una presencia abominable."
Die vom Erzähler "incomunicación" genannte Verbindung ist mit "Un-Kommunikation" und nicht mit "Kommunikationslosigkeit / fehlender Kommunikation" zu übersetzen. Den Passagieren geht es wie Cordelia mit Johannes: Sie stehen in einem "negativen Verhältnis", das gerade durch diese Negativität absolut bindet, zu dem Mann im schwarzen Mantel. Bloß sind hier die Rollen umverteilt: Während das durch Johannes verkörperte geistige Prinzip die Sinnlichkeit Cordelias negierte, hebt hier die subliminare Aura die gewöhnlichen rationalen Konstruktionen auf:
"Decir que era el Mal no es decir nada; conocemos sus caras sonrientes y sus muchos juegos amables. Lo insoportable (y eso lo sentía el guarda en su simplicidad, lo sentíamos todos desde nuestros diferentes horizontes) era la falta de todo signo manifiesto; la locura puede darse como una cosa así, que de pronto un lápiz sea la muerte o la lepra sin dejar de ser nada más que un lápiz en una contradicción que anula toda defensa, y la razón es sobre todo defensa."
Die Wirkung des Bösen geht unmittelbar von seiner Präsenz aus, so wie Don Juan in Das Musikalisch-Erotische als das Unmittelbar-Erotische präsent war. Durch die Unmittelbarkeit fiel er nicht unter die Bestimmung des Ethischen, bei Cortázar erfolgt diese Zuordnung vollends paradox: Auch das "Unmittelbar-Böse" fällt nicht unter die Kategorie des Ethischen. Das Böse ist nicht unmittelbar, sondern vielmehr das Unmittelbare böse, d.h., das, vor dem man sich nicht hinter den Schild der Vernunft flüchten kann, wird dem Bösen zugerechnet. Die Unmittelbarkeit verbindet Täter und Opfer, deren Bewegungen auch nicht mehr befriedigend durch die Anwendung des Strafgesetzbuches beschrieben werden können:
"(...) que ciertos niveles del crimen están condicionados por valores diferentes, en un sistema donde el juicio y la conciencia comunes son como tragados por el horror sin nombre que mueve al mismo tiempo al criminal y a la víctima."
Das Faszinierende bildet die temporelle Suspendierung von "natürlichen" Schutzreaktionen der Opfer. Dieses Hintanhalten kritischer Distanzierung trägt die Züge der Reaktion des Rezipienten auf einen fiktiven Text, des "suspension of disbelief". Erst über diese Gewähren-Lassen vermag sich das Textspiel zu entfalten. Hier ist das Gewähren erzwungen, so daß es sich als ein rituelles Aufschließen einer nicht rationalen(3) Ebene darstellt. Als der Mann mit schwarzen Mantel und Hut an derselben Haltestelle wie er aussteigt, und die beiden allierten Weggenossen an der ersten Gabelung einen anderen Weg einschlagen, er mit ihm allein bliebe, ist klar, daß er nicht davonpreschen würde; er würde sich vielleicht umdrehen und um Feuer bitten, um die Situation mit gesundem Menschenverstand zu bannen, in Sagbares und Beherrschbares überzuführen, und so hätte schon der gemeinsame Opfertanz begonnen, doch als er sich umdrehte, war niemand mehr hinter ihm.
1. Baudrillard ordnet die "kalte", reflektierte Verführung Johannes zumindest zeitlich der natürlichen Cordelias unter, die so ein wenig aus ihrer Opferrolle gedrängt wird: "Así, el seductor no es nada, todo el origen de la seducción reside en la joven. Por eso Johannes puede afirmar que no inventa nada y que todo lo aprende de Cordelia. Ahí no hay ninguna hipocresía. La seducción calculada es el espejo de la seducción natural, se alimenta de ella como fuente, pero es para exterminarla mejor." Jean Baudrillard, De la seducción. Madrid 1998. S.96. Das ändert allerdings nichts an der perspektivischen Asymmetrie und auch nicht am unterschiedlichen Reflexionsgrad. Cordelia erfährt erst im Nachhinein, welches Spiel gespielt worden ist. Retour 2. Die ideale Rollenzuschreibung , die Johannes für Cordelia vorgesehen hat, sieht vor, daß sie selbst ihre eigenen Handlungen als äußere Ereignisse wahrnehmen soll: "Am besten wäre es, wenn ich die Verlobung aus einer Handlung in ein Ereignis verwandeln könnte, aus etwas, was sie tut, in etwas, was ihr geschieht, wovon sie sagen muß: weiß Gott, wie das eigentlich zugegangen ist!" S.434. Retour 3. Das poetische Äquivalent zur "suspension of disbelief", die negative capability hat Cortázar an Keats heruasgearbeitet: "En el acto racional de conocimiento, no hay pérdida de identidad; por el contrario, el sujeto se apresura a reducir al objeto a términos intelectuales, la inteligencia se precipita (...) en procura de una simplificación lógica, conceptual, a su medida . La conducta lógica del hombre procede siempre en el sentido de defender la persona del sujeto, defenderse ante la irrupción de notas, significaciones, conceptos, aportaciones sensoriales, intuiciones, etcétera.(...) Y si lo obsesiona conocer, es un poco por hostilidad, por temor a confundirse. (...) El poeta renuncia a defenderse. J.C., La imagen de John Keats. A.a.O. S.495-6. [Hvh. im Text] Retour contactarme Singularität Verführung und Gnade Keine Einleitung Lamento |