Ausscherender Vergleich: Geheime
Gesellschaft bei Cortázar
Zwischen
Singularität und Vergesellschaftung
Michael Hummel
In den
Erzählungen Cortázars kehrt das Motiv in abgewandelter
Form wieder. In "Reunión con un círculo
rojo" und "Texto en una libreta"
stellen sich böse Überraschungen für den alltäglichen
Erwartungshorizont ein. Ein wenig banal aber dessenungeachtet nicht
minder bedeutsam: Das Andere konstituiert sich wesentlich darüber,
daß es unerwartet eintritt. Die Endoxa-Perspektive(1)
geht von einer homogenen Raumvorstellung aus, keine grundsätzliche
Unregelmäßigkeit verhindert die fortschreitende Projektion
des Bekannten auf noch nicht Bekanntes. Der narrative Raum wird von
Kommunikationsmöglichkeiten und -alternativen,
perspektivisch zugeordneten Weltprojektionen bestimmt. In "Reunión
con un círculo rojo" wird die Erwartungshaltung eines in
Wiesbaden fremden Besuchers eines nicht minder fremden
balkanisch-kroatisch-transsylvanischen Lokals konstruiert(2).
Die Fremdheit kann indes nicht allein über die Attribute des
physischen Ortes entstehen; die Stadt stellt den bürgerlichen
Kontrapunkt des Geschehens dar; das Lokal bietet a priori eine eher
mühelos bezähmbare Exotik. Die Objekte tragen außerhalb
ihrer Benützung wenig zur Verfremdung bei. Das
Unerwartete, das Nicht-zu-Erwartende, die Singularität tritt
erst über das von außen unüberschaubare - deiktische
- Kommunikationsgeflecht innerhalb einer Gruppe, einer solcherart
Geheimen Gesellschaft in kraft. Die Einheiten des narrativen
Raums generieren sich so erst über die kommunikative
Strukturierung, die gesellschaftliche Bedeutungszuweisung. Obschon
Jacobo, der arglose Lokalbesucher und entschlossene Helfer, sich in
den Klauen der "transsylvanischen Gesellschaft" verfängt,
ist das Verhältnis zwischen wirkendem Bund und Opfer ein
anderes. Die Gesellschaft ist nicht expansiv; die Motivation ihrer
Handlungen ist nicht ersichtlich (wenn man sie irgendwie bezeichnen
will, so als "transsylvanische"). Die geheime
Gesellschaft umschreibt eine Zone, in der die Projektionen der Endoxa
ihre Gültigkeit verlieren; sie bedeutet insofern einen Bruch,
als der universale Anspruch jener zurückgewiesen wird;
lokalisiert wird dieser Bruch indes in einer in sich geschlossenen
Zone differierender Gesetzlichkeit, diese wirkt zumindest
irritierend, vermag indes gar - wie in diesem Fall -
schlicht und einfach alles zu schlucken, was in ihren Einflußbereich
gerät(3); die Reunión con un círculo
rojo ist die mit einem "agujero negro", einem schwarzen
Loch...
(1)Barthes hat das aristotelische Instrumentarium
wiederentdeckt und seine Bedeutsamkeit
für die Analyse von Phänomenen der Massenkultur herausgestrichen
["Ensuite, cette idée qu'il y a une sorte d'accord obstiné entre Aristote
(d'où est sortie la rhétorique) et la culture dite de masse, comme si l'aristotélisme,
mort depuis la Renaissance comme philosophie et comme logique, mort comme esthétique
depuis le romantisme, survivait à l'’état dégradé, diffus, inarticulé, dans la pratique
culturelle des sociétés occidentales - pratique fondée à travers la démocratie, sur une
idéologie du „plus grand nombre“, de la norme majoritaire, de l'opinion courante:
tout indique qu'une sorte de vulgate aristotélicienne définit encore un
type d'’Occident trans-historique, une civilisation (la nôtre) qui est
celle de l'endoxa (...)" Roland Barthes, L'Anciennne Rhétorique.
In: ders., L'aventure sémiologique. Paris 1985 (zuerst in Communications, 16, 1970) S.163-4]
Die Endoxa-Kultur bietet dann auch das mitgeschriebene Ziel der Cortázarschen Ideologiekritik.
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(2) Die Erzählperspektive ist darüberhinaus noch einigermaßen verfremdend.
Sie ist zu Beginn klar als formelle zweite Person ("usted", ausgehend
von der tolpatschigen Engländerin) markiert; infolge fällt aber das Personalpronomen
weg, und die Erzählung läßt sich sich so auch als aus der einer auktorialen Sicht
referiert lesen, was wiederum erst den Umschlag (Peripetie) ermöglicht
(Wer versucht wem zu helfen?)
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(3) Was sich sicherlich weiterdenkend auf die Entstehung von gesellschaftlichen
Wissen mit exklusivem Gestus allgemein projizieren läßt. Die offensichtliche
"Transsylvanität" ist so auch nur graduell von der konsensuellen unterschieden;
In "Vuelta al día en 80 mundos" entspricht dieser Vergleich dem zwischen Peter Kürten
et alii und Queen Victoria angestellten.
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contactarme
Täter und Opfer
Verführung und Gnade
Keine Einleitung
Lamento
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