Verführung und Gnade
Cortázar hat über ein Spiel die (Frauen-)Verführung in eine zufallsgesteuerte "Zusammenführung" umgeschrieben. Während Johannes aus dem Tagebuch den Zufall lediglich als "Inzitament" für die fortgesetzte Anwendung seiner Willkür an seinen Opfern bestimmt, bedeutet "Zufall" in Cortázars Manuscrito hallado en un bolsillo "Zusammenfall". "Zufall" ist im ersten Fall der Willkür der Interpretation untergeordnet(1); im anderen umschreiben die Regeln des Spiels das Einflußgebiet der subjektiven Willkür und setzen so erst den "Zufall" in seiner Konsequenz (er ist nicht mehr frei interpretierbar), der diese nur über die Reibung am - im voraus - Bestimmten erreichen kann. Das Spiel versteht sich zuallererst als den Versuch einer nicht institutionalisierten Kommunikation. Die Autor/Leser-Kommunikation als Verführung wird nicht über die "Nicht-Kommunikation" oder die bürgerlich institutionalisierte überwunden, sondern über eine, die die Beteiligten interdependent verknüpft. Der Erzähler hat für sein U-Bahn-Spiel ein paar - wie er sagt - einfache Regeln aufgestellt. Wenn ihm eine ihm gegenüber sitzende Frau gefällt, dann muß sie sein im Fenster gespiegeltes Lächeln erwidern, damit er überhaupt die Berechtigung erwirkt, ihr zu folgen.-Soweit der banale Teil. Die Gleichberechtigung in einer solcherart von ihm angezettelten Kommunikation besteht darin, die eigene Beweglichkeit, die eigenen Interpretationsmöglichkeiten(2) zu beschränken und somit die Übereinstimmung der beiden Bewegungen als tatsächlichen Zusammenfall (oder als "Gnade") zu ermöglichen. Bevor er einen Zug einer bestimmten Linie betritt, hat er schon einen Plan der möglichen Gabelungen seines Wegs vorherbestimmt; d.h. er kann der Erwählten nur folgen, wenn ihre Bewegung mit seinem Verzweigungs-"Plan" übereinstimmt:
"Pienso que está claro, Ana (Margrit) tomaría un camino cotidiano o circunstancial, mientras antes de subir a ese tren yo había decidido que si alguien entraba en el juego y bajaba en Denfert-Rochereau, mi combinación sería la línea Nation-Etoile, de la misma manera que si Ana (que si Margrit) hubiera bajado en Chatelet sólo hubiera podido seguirla en caso de que tomara la combinación Vincennes-Neuilly."
Der so unscheinbare Baum wird jedoch in zweifacher Hinsicht bedeutsam. Einerseits stellt er als Diagramm geradezu idealtypisch den Weg von Entscheidungen entlang der Zeitachse dar. Das Material ist nicht mehr allzeit verfügbar; der Baum trägt im Wachsen die Irreversibilität mit sich nach oben. Die Entscheidung wird andererseits delegiert und zwar so, daß die Antwort von außen an den Gabelungen je einen Weg markiert. Das gleicht der Befragung einer Gottheit im Orakel: Die Frage wird so formuliert, daß der Wink dann auch erfaßbar wird. Bei Ana (Margrit) überschreitet er seine selbstgesetzte Norm und anstatt einer Kongruenz zweier voneinander unabhängiger Bewegungen kommt es zu einem beinahe (denn sie weiß darum) klassischen "Nachgehen"/"Nachstellen" - das immer schon das "Nachgehen" einer ästhetischen Beschäftigung mitbedeutet:
"(...) que no me había visto seguirla y que en la calle no había tenido miedo, contradictoriamente, mirándome en los ojos, bebiendo su cinzano, sonriendo sin avergonzarse de sonreír, de haber aceptado casi en seguida mi acoso en plena calle."[Hvh. von mir]
Das "Nachgehen", das "Nachzeichnen" von Bewegungen konfrontiert den Kierkegaardschen Johannes und die Spielerfiguren Cortázars auch auf einem abstrakteren Niveau. Das Verhältnis der Bewegungen Johannes' zu denen Cordelias ist eines des Vor-oder Nachzeichnens immer aber direkt von Johannes gesteuert:
"Ich fliehe dauernd zurück, und in dieser Rückwärtsbewegung lehre ich sie an mir alle Mächte der Liebe kennen, ihre unruhigen Gedanken, ihre Leidenschaft, was Sehnsucht ist und Hoffen und ungeduldiges Erwarten. Indem ich solchermaßen vor ihr figuriere, entwickelt sich all dies entsprechend in ihr. Es ist ein Triumphzug, in dem ich sie führe, und ich bin ebensosehr der, welcher dithyrambisch ihren Sieg besingt, wie der, welcher den Weg weist. Sie wird Mut bekommen, an die Liebe zu glauben, daß sie eine ewige Macht ist, wenn sie deren Herrschaft über mich erkennt, meine Bewegungen sieht."[Hvh. von mir]
Horacio und die Maga machen sich nie einen scharf abgegrenzten Treffpunkt aus, sie riskieren stets das Einander-Verfehlen ihrer in den Stadtplan von Paris gezeichneten Bewegungen(3). Nach einer kurzen Idylle erzählt er von seinem Spiel und wie er bei ihr gegen die Regeln verstoßen habe. Die einzige Chance das Verhältnis zu legitimisieren besteht darin, das Spiel noch einmal zu wagen, die fehlende Kongruenz und das mögliche Scheitern zu akzeptieren.
(2) Er "interpretiert" wie eine Maschine. Ein bestimmter Input darf nur bestimmte festgelegte Wirkungen zeitigen. Diese Selbstdegraduierung ist nicht nur bedeutsam sondern auch pikant. Die Willkür tendiert gerade dazu den anderen als Maschine zu entwürdigen (etwa schon im frz. Materialismus à la Sade); nur über die rückwirkende Beschränkung wird ein Gleichgewicht hergestellt; d.h. erst über die Regelhaftigkeit der Reaktionen wird ein "Außen" von einem "Innen" getrennt; die Willkür als "unbeschränkte Subjektivität" (s.w.o.) wird aufgelöst aber nicht gesellschaftlich, sondern selbstbestimmt und darin beteht auch die Möglichkeit für eine nicht die soziale Norm erfüllende, aber auch nicht nur in ihrem eigenen Bereich Geltung beanspruchende Literatur. retour
contactarme Singularität Täter und Opfer Keine Einleitung Lamento
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